Japans Kerninflation bleibt im Mai 2026 erneut unter dem BOJ-Ziel
Japans altbekanntes Inflationsdilemma kehrt zurück: Die Preise steigen wieder zu langsam. In Tokio legte der Kern-Verbraucherpreisindex (ohne frische Lebensmittel) im Mai 2026 nur um 1,3% gegenüber dem Vorjahr zu. Damit blieb der Wert sowohl unter der Markterwartung von 1,5% als auch unter dem Inflationsziel der Bank of Japan (BOJ) von 2%.
Es ist der vierte Monat in Folge, in dem die Kerninflation unter der BOJ-Schwelle liegt. Gleichzeitig setzte sich die Abschwächung fort: Der Mai-Wert liegt spürbar unter den 1,5% aus April. Auf nationaler Ebene fiel die Kerninflation im April auf 1,4% und markierte damit den niedrigsten Stand seit März 2022. Die von der BOJ häufig herangezogene "core-core"-Kennziffer, die sowohl Lebensmittel als auch Energie ausklammert, lag im April bei 1,9%.
Dämpfend wirken vor allem staatliche Subventionen, die Kraftstoffkosten und Bildungsausgaben entlasten und die gemessenen Preissteigerungen rechnerisch nach unten drücken. Zusätzlich trugen nachlassende Lebensmittelpreise zur Abkühlung bei, auch wenn Rohstoffkosten aufgrund geopolitischer Spannungen erhöht bleiben.
Ein neues Trendmaß der BOJ zeichnet ein anderes Bild. Der jüngst eingeführte Indikator, der die zugrunde liegende Inflationsdynamik präziser erfassen soll, zeigte im April 2026 eine Beschleunigung der Kerninflation auf 2,8% nach 2,5% im März. Die Abweichung unterstreicht, wie stark das Bild von der verwendeten Methodik abhängt: Der klassische Verbraucherpreisindex bildet die tatsächlich von Konsumenten gezahlten Preise ab, inklusive der subventionsbedingten Dämpfung. Das Trendmaß versucht, diese temporären Verzerrungen herauszufiltern und den grundlegenden Preispfad sichtbar zu machen.
Für Anleger sind die unmittelbaren Konsequenzen klar: Die Erwartungen an eine Straffung der Geldpolitik durch die BOJ dürften weiter nach hinten rücken. Vier Monate mit Inflationsraten unter dem Ziel geben den Währungshütern zusätzlichen Spielraum zum Abwarten.
Für den japanischen Yen bedeutet eine spätere Zinswende anhaltenden Gegenwind. Die Zinsdifferenzen zu anderen großen Volkswirtschaften bleiben groß, und die Mai-Daten liefern wenig Argumente für eine nachhaltige Yen-Stärke.
Am stärksten reagieren dürfte der Rentenmarkt. Renditen japanischer Staatsanleihen (JGBs) sind seit den Anpassungen am Rahmen der Renditekurvensteuerung besonders sensibel gegenüber Signalen der BOJ. Wenn Zinserhöhungserwartungen nachlassen, könnten JGB-Renditen tendenziell nachgeben.
Japan bleibt zugleich ein bedeutender Kapitalexporteur. Bleiben die heimischen Zinsen niedrig, suchen japanische Investoren von Pensionskassen bis Versicherern weiter Rendite im Ausland. Das stützt Vermögenspreise in anderen Märkten, insbesondere US-Treasuries und europäische Unternehmensanleihen.