SEC will zentrale Reg-NMS-Regeln kippen – mögliches Signal für tokenisierte US-Aktien im DeFi
Die US-Börsenaufsicht SEC hat am 11. Juni vorgeschlagen, zwei zentrale und seit Jahren geltende Regeln der Regulation National Market System (Reg NMS) – Rule 611 und Rule 610(e) – aufzuheben. Der Schritt könnte eine wichtige strukturelle Hürde für den Handel mit tokenisierten US-Aktien auf blockchainbasierten Plattformen reduzieren.
Worum es bei den Regeln geht
Rule 611 untersagt sogenannte "Trade-throughs": Ein Handelsplatz darf eine Order nicht zu einem schlechteren Preis ausführen, wenn an einem anderen Handelsplatz ein besseres "geschütztes" Kursangebot verfügbar ist. Die Regel gilt seit 2005 als zentrales Instrument des Preisschutzes.
Rule 610(e) adressiert "locked" und "crossed" Quotes. Handelsplätze sollen keine Kurse einstellen, die dem national besten Geld- und Briefkurs (National Best Bid and Offer) entsprechen oder ihn kreuzen.
Begründung der SEC
Nach Darstellung der SEC würde die Streichung die Marktstruktur vereinfachen, Kosten für Marktteilnehmer senken und Wettbewerb sowie Innovation mehr Raum geben. SEC-Vorsitzender Paul S. Atkins verwies auf unbeabsichtigte Nebenwirkungen von Rule 611 nach zwei Jahrzehnten Anwendung: "This proposal is intended to simplify market structure and reduce costs for market participants while allowing competition, innovation, and other market forces to shape the continuing evolution of our equity markets."
Relevanz für DeFi und AMMs
Stimmen aus der Kryptoindustrie sehen darin ein potenziell wichtiges Signal für DeFi. Alex Thorn von Galaxy Digital betonte, Rule 611 sei faktisch schwer mit Automated Market Makern (AMMs) vereinbar: AMMs führen Transaktionen on-chain über Bonding Curves und Liquiditätspools aus, inklusive Slippage und in Blockzeit-Auflösung. Sie können nicht in Echtzeit sämtliche Off-chain-Börsenkurse prüfen oder Orders marktübergreifend routen, wie es klassische Systeme tun.
Auch Rule 610(e) gilt in diesem Kontext als problematisch, weil AMM-Preise sich mit dem Handelsfluss fortlaufend bewegen und damit in traditionellen Märkten angezeigte Quotes häufig "locken" oder "crossen" könnten.
Was der Vorschlag umfasst – und was nicht
Der Entwurf sieht vor, die beiden Regeln sowie zugehörige Definitionen in Rule 600 zu streichen und weitere Anpassungen zur Konsistenz vorzunehmen. Nach Veröffentlichung im Federal Register startet eine 60-tägige Kommentierungsfrist.
Wichtig: Die Aufhebung würde den Handel mit tokenisierten Aktien nicht automatisch erlauben. Sie setzt ein Regelsetzungsverfahren in Gang und sammelt öffentliches Feedback, bevor eine endgültige Entscheidung getroffen wird.
Offene Baustellen bei tokenisierten Aktien
Selbst bei einem Rückbau der Reg-NMS-Preisschutzmechanismen bleiben zahlreiche rechtliche und marktpraktische Fragen: Registrierung als Börse, Vorgaben für Alternative Trading Systems (ATS), Standards für Clearing und Settlement sowie die Sicherstellung, dass tokenisierte Aktien Anlegerrechte wie Dividenden und Stimmrechte abbilden.
Mögliche Alternativen und nächste Schritte
Analysten erwarten, dass ein Wegfall der Reg-NMS-Schutzregeln den Fokus stärker auf Best-Execution-Pflichten auf Broker-Ebene verlagern könnte – etwa auf FINRA Rule 5310, die Broker verpflichtet, für Kundenorders die bestmöglichen Bedingungen zu suchen. Dieser Rahmen könnte tokenisierte Märkte eher abbilden als strikte, transaktionsbezogene Preisschutzregeln.
Unabhängig davon prüft die SEC eine "Innovation Exemption", die Handel mit tokenisierten, börsennotierten Aktien auf Blockchain-Plattformen ermöglichen könnte – möglicherweise unter der Bedingung, dass tokenisierte Anteile dieselben Rechte wie gewöhnliche Aktien tragen. Kommissarin Hester Peirce deutete an, solche Ausnahmen dürften eng gefasst sein und eher digitale Varianten bestehender Aktien betreffen als synthetische Token ohne Aktionärsrechte.
Fazit
Der Vorstoß ist ein relevanter Baustein in einer breiteren regulatorischen Neujustierung und könnte eine strukturelle Hürde für On-chain-Handel mit US-Aktien senken. Entscheidend bleiben der Ausgang der Kommentierungsphase, weitere SEC-Regelsetzung und die Anpassungsfähigkeit anderer gesetzlicher und marktbezogener Rahmenbedingungen für tokenisierte Wertpapiere.