Fed-Vertreter rücken von Zinssenkungen ab und bringen erneute Anhebung ins Spiel
Von Long Yue | Quelle: Wall Street Journal
In der US-Notenbank Federal Reserve verschiebt sich der Ton spürbar: Selbst Entscheidungsträger, die zuletzt noch Zinssenkungen befürwortet hatten, schließen weitere Erhöhungen inzwischen nicht mehr aus. Dazu zählt auch Fed-Gouverneur Christopher Waller. Damit gibt es im Offenmarktausschuss nahezu keine Stimmen mehr, die noch aktiv für eine Lockerung plädieren.
Ein Hintergrundbericht des Wall Street Journal von Nick Timiraos, der an den Märkten als gut vernetzter Fed-Beobachter gilt, zeichnet das Bild eines Kurswechsels zur Unzeit – kurz vor der ersten Zinssitzung unter dem neuen Fed-Vorsitzenden Kevin Warsh. Timiraos zufolge übernimmt Warsh den Vorsitz in einer Phase, in der sich die internen Debatten bereits von der Frage "wann wird gesenkt" hin zu "muss wieder erhöht werden" verlagert haben. Warsh hatte im vergangenen Jahr öffentlich Zinssenkungen unterstützt, was ihm politisch Rückenwind verschaffte. Nach seiner Ernennung kippte die Diskussion in der Notenbank jedoch leise, aber stetig.
Auslöser sind vor allem die jüngsten Makrodaten: Die Inflation ist in diesem Jahr nicht weiter gefallen, sondern wieder gestiegen und liegt über 3%. Der Arbeitsmarkt zeigt sich erneut robust. Zusätzlich halten Engpässe im Zuge des KI-Infrastrukturbooms sowie höhere Ölpreise im Zusammenhang mit dem Iran-Konflikt den Preisdruck hoch. Damit bröckeln die Argumente, die zuvor Zinssenkungen plausibel erscheinen ließen.
Als Signalgeber gilt der Positionswechsel von Waller. Er hatte noch im Januar – gegen den Widerstand vieler Kollegen – für eine Zinssenkung gestimmt, weil er eine Abkühlung am Arbeitsmarkt fürchtete. Im vergangenen Monat erklärte er, die jüngsten Daten hätten ihn "in eine andere Richtung" bewegt. Er unterstützte ausdrücklich, die Formulierung eines "accommodative bias" aus dem Statement zu streichen, und sagte wörtlich, er könne "die Möglichkeit von Zinserhöhungen zu einem späteren Zeitpunkt" nicht mehr ausschließen. Spekulationen über eine Zinssenkung im September wies er deutlich zurück: "Als seriöser Zentralbanker kann man darüber nicht ernsthaft reden."
Auch die Mitte rückt nach. Gouverneurin Lisa Cook hielt zuletzt zwar daran fest, dass ein unveränderter Zins angemessen sei und Inflation im Basisszenario von selbst nachgeben sollte. Neu war ihre Einschränkung: Sollte der Inflationsrückgang "nicht rechtzeitig eintreten", sei sie "bereit, die Zinsen zu erhöhen". Dahinter steht die Sorge, dass rund fünf Jahre Inflation oberhalb des Zielwerts Preis- und Lohnsetzung stärker prägen und Erwartungen verfestigen könnten.
Die Hardliner sehen sich bestätigt. Bereits Ende vergangenen Jahres, als die Fed die Zinsen senkte, hatten die Präsidentin der Cleveland Fed Beth Hammack, der Präsident der Dallas Fed Lorie Logan und der Präsident der Minneapolis Fed Neel Kashkari gegen den Schritt dissentiert und die Begründung für eine Lockerung angezweifelt. Im April wandten sie sich erneut gegen die Kommunikation: Sie kritisierten eine Formulierung, die eine Senkung als "wahrscheinlichen nächsten Schritt" nahelegte, und verlangten deren Streichung, um auch eine Erhöhung als Option offenzuhalten.
Mit den aktuellen Daten verschiebt sich das Kräfteverhältnis weiter. Hammack sagte in diesem Monat, die aktuelle Ausrichtung sei vertretbar, "aber wenn sich die jüngsten Trends fortsetzen, könnte bald Handlungsbedarf entstehen". Logan ging noch weiter: Sie sei "zunehmend besorgt", dass spätere Zinserhöhungen in diesem Jahr nötig werden könnten.
Hinzu kommt ein Argument aus der Geldpolitik-Mechanik: Steigt die Inflation, fällt der inflationsbereinigte "Realzins". Das bedeutet, dass die Geldpolitik – trotz unverändert hoher Nominalzinsen – weniger restriktiv wirkt, als es die nackten Zahlen vermuten lassen. Allein das Stillhalten kann damit faktisch bereits wieder lockerer werden.
Im Fokus steht nun die Sitzung am Mittwoch. Erwartet wird, dass die Fed den Leitzins unverändert in der Spanne von 3,5% bis 3,75% belässt. Entscheidend dürften zwei Punkte werden:
Erstens das Statement. Die seit Monaten verwendete Formulierung "accommodative bias", die Zinssenkungen als wahrscheinlicher erscheinen ließ, dürfte gestrichen werden. Das würde signalisieren, dass Senkung und Erhöhung wieder als gleichwertige Optionen betrachtet werden.
Zweitens der vierteljährliche Dot Plot. Im März rechneten noch mehr als ein Dutzend Mitglieder mit mindestens einer Senkung in diesem Jahr. Dieses Mal dürfte die Mehrheit eine unveränderte Zinslinie für das Gesamtjahr markieren, einzelne könnten sogar Erhöhungen eintragen.
Brisant ist dabei, dass Warsh die Fed immer wieder für ihre starke Abhängigkeit von "Forward Guidance" kritisiert hat – einschließlich Instrumenten wie dem Dot Plot. Er könnte versuchen, sich hiervon zu distanzieren, etwa durch weniger eigene Prognosen oder eine zurückhaltendere Sprache. Timiraos betont jedoch, dass Investoren vor allem auf die inhaltliche Botschaft achten. Politisch sensibel bleibt der Punkt für den Präsidenten, der niedrigere Zinsen sehen will.
Chicago-Fed-Präsident Austan Goolsbee brachte die Lage zuletzt auf den Punkt: "Wir sehen ein ziemlich ernstes Inflationsproblem entstehen, aber der Arbeitsmarkt bleibt im Wesentlichen stabil." Das Ergebnis: Im Ausschuss spricht kaum noch jemand aktiv für Zinssenkungen. Warshs Einstand könnte damit zum Auftakt eines nächsten Schritts werden, der wieder nach oben zeigt – getragen von einem Gremium, das er nicht zusammengestellt hat, und vermittelt über Instrumente, die er selbst lange skeptisch sah.