Bitcoin rutscht erstmals seit 20 Monaten unter 60.000 US-Dollar
Bitcoin hat im heutigen Handel die psychologisch wichtige Marke von 60.000 US-Dollar erneut unterschritten und fiel zeitweise bis auf 59.023 US-Dollar. Damit wurde der tiefste Stand seit Oktober 2024 erreicht – ein nahezu 20-Monats-Tief. Zum Redaktionsschluss hatte sich BTC leicht erholt und notierte bei rund 60.600 US-Dollar; das Minus auf 24-Stunden-Sicht lag bei etwa 3%, auf Wochensicht summiert sich der Rückgang auf rund 9%.
Es ist bereits das dritte Mal in diesem Jahr, dass Bitcoin unter 60.000 US-Dollar fällt. Anders als bei den beiden vorherigen Rücksetzern trifft der Markt diesmal auf zwei Belastungsfaktoren: anhaltende institutionelle Abflüsse und eine deutliche Neubewertung der geldpolitischen Erwartungen. Beides hat die Risikobereitschaft spürbar gedämpft.
Spot-ETFs: längste Serie von Nettoabflüssen
US-Spot-Bitcoin-ETFs gelten derzeit als zentraler Treiber der Abwärtsbewegung. Seit Mitte Mai wurden sechs Wochen in Folge Nettoabflüsse verzeichnet. In den vergangenen 30 Tagen summierten sich die Abflüsse auf etwa 5,94 Mrd. US-Dollar – die größte institutionelle Abzugswelle מאז dem Start im Januar 2024. Besonders auffällig: BlackRocks IBIT meldete am 28. Mai einen Nettoabfluss von 528 Mio. US-Dollar an einem Tag, den höchsten Tagesabfluss מאז der Börsennotierung.
Das verwaltete Vermögen der Bitcoin-ETFs ist von rund 113 Mrd. US-Dollar zu Jahresbeginn auf etwa 77,5 Mrd. US-Dollar gefallen, ein Rückgang von über 30%. Laut Daten von The Block gab es auch am 23. Juni noch einen Nettoabfluss von rund 113,8 Mio. US-Dollar, was auf eine bislang fehlende Trendwende bei institutionellen Flows hindeutet.
Strukturell verstärkt sich der Druck durch den ETF-Mechanismus: Werden Anteile zurückgegeben, müssen autorisierte Marktteilnehmer die entsprechende Menge Bitcoin am Sekundärmarkt verkaufen. Das erzeugt anhaltenden Spot-Verkaufsdruck. CoinShares spricht in diesem Zusammenhang von einem "emotionalen Schock" und sieht keine grundlegende Erosion der Krypto-Fundamentaldaten.
Makro: Zinserhöhungsfantasie kehrt zurück
Zusätzlich belastet die makroökonomische Seite. Die Zahl der offenen Stellen in den USA stieg im April auf 7,62 Mio. und lag damit deutlich über den Erwartungen; zugleich erreichte sie den höchsten Stand seit fast zwei Jahren. Das drückte die Rendite 10-jähriger US-Staatsanleihen wieder über 4,45%.
Clevelands Fed-Präsidentin Beth Hammack erklärte anschließend öffentlich, die Notenbank könnte Zinserhöhungen wieder aufnehmen, falls die Inflation hoch bleibt. Laut CME FedWatch sind die vom Markt implizierten Wahrscheinlichkeiten für eine Zinserhöhung vor Jahresende auf über 50% gestiegen.
Der starke Bullenmarkt 2025 basierte wesentlich auf Liquiditätsfantasie durch erwartete Fed-Zinssenkungen. Dreht diese Erwartung, steigen reale Zinsen und Kapital wandert typischerweise in risikoärmere Anlagen wie Anleihen und Cash – Bitcoin als Hochrisiko-Asset gerät dann besonders unter Druck.
Stimmen aus dem Markt
21Shares: Im aktuellen Bericht "State of the Crypto Market" sieht 21Shares die Bewegung als typisch für historische Korrekturphasen nach Halvings. Trotz früherer Spekulationen, der Vierjahreszyklus könnte auslaufen, deute die Preisentwicklung auf einen intakten Zyklus hin. Das Haus hält an einem Ziel von 100.000 US-Dollar bis Jahresende fest und verweist auf eine solide Basis von rund 53 Mrd. US-Dollar an kumulierten Nettozuflüssen in ETFs.
Arthur Hayes: Deutlich pessimistischer. Hayes erwartet innerhalb der nächsten sechs Monate ein Tief um 40.000 US-Dollar und begründet dies mit einem anhaltend restriktiven Fed-Kurs, der die Liquidität dämpft. Er bleibt zwar long, hat das Abwärtsrisiko aber über Optionen abgesichert.
CryptoQuant: On-Chain-Daten zufolge liegt der durchschnittliche Einstandspreis der Investoren derzeit bei rund 53.000 US-Dollar. Historisch bilden sich Bärenmarkt-Tiefs häufig erst, wenn der Kurs unter den Realized Price fällt. Institutionelle Akteure gehen laut CryptoQuant davon aus, dass dieser Bärenmarkt bis Ende 2026 oder Anfang 2027 anhalten könnte, da klare Signale für eine nachhaltige Nachfragebelebung fehlen.
Kurzfristig richtet sich der Blick auf die nächsten US-Inflationsdaten und Hinweise zum weiteren Fed-Kurs. Fällt der CPI unter den Erwartungen aus, könnte das Bitcoin vorübergehend entlasten; bestätigt er erneut hartnäckige Inflation, dürfte der Abwärtsdruck zunehmen. Solange extreme Panik nicht nachlässt und ETF-Mittelströme keinen klaren Wendepunkt zeigen, bleibt die Fähigkeit von Bitcoin, die Schlüsselmarke von 60.000 US-Dollar zu verteidigen, entscheidend für die nächste Phase dieses Bärenmarkts.