Polen zwischen MiCA-Endspurt und Zondacrypto-Affäre
In Polen laufen zwei Entwicklungen zeitgleich auf eine Zuspitzung zu: Das Parlament ringt kurz vor Schluss um die nationale Umsetzung der EU-Kryptoregeln (MiCA), während die Ermittlungen gegen Zondacrypto, die größte Kryptobörse des Landes, immer größere Kreise ziehen.
Polen ist bislang der einzige EU-Staat ohne Umsetzungsgesetz. Maßgeblicher Stichtag bleibt der 1. Juli 2026. Am 12. Mai 2026 befasste sich der Sejm in erster Lesung mit vier konkurrierenden Entwürfen und überwies sie an den Finanzausschuss. Parallel untersucht die Staatsanwaltschaft Katowice Zondacrypto seit dem 17. April wegen des Verdachts auf großangelegten Betrug und Geldwäsche. Der dokumentierte Mindestschaden beträgt 350 Mio. Złoty (83 Mio. EUR). Ministerpräsident Donald Tusk spricht von rund 30.000 mutmaßlich Geschädigten.
Vier Gesetzentwürfe, ein Termin
Die Vorlagen stammen aus der Regierungskoalition, vom Präsidenten Karol Nawrocki sowie von den Fraktionen Polska 2050 und Konfederacja. Regierungs- und Präsidialentwurf sind in zentralen Punkten ähnlich: Beide sehen die Finanzaufsicht KNF als zuständige Behörde. Unterschiede betreffen vor allem Reichweite und Voraussetzungen für das Einfrieren von Krypto-Konten sowie die Höhe der Sanktionen. Polska 2050 will zudem Banken erlauben, Krypto-Dienstleistungen anzubieten.
Der Zeitdruck ist hoch, zumal auch die EU-Frist für CASP-Lizenzen unter MiCA am 1. Juli 2026 endet. Ohne nationale Regeln können polnische Anbieter keine MiCA-Lizenz beantragen, während Wettbewerber aus anderen EU-Ländern ihre Dienste in Polen weiterhin über die Dienstleistungsfreiheit anbieten können.
Der Sejm hatte bereits am 19. Dezember 2025 einen früheren Entwurf mit 241 zu 183 Stimmen beschlossen. Nawrocki legte jedoch zweimal sein Veto ein, zunächst im Dezember 2025, dann erneut im Februar 2026. Das damalige Paket sah Geldbußen von bis zu 10 Mio. Złoty und Freiheitsstrafen von bis zu fünf Jahren bei Verstößen gegen CFT-Regeln vor. Hinzu kommt: KNF-Lizenzverfahren dauern in Polen laut Branchenangaben EU-weit am längsten, im Schnitt 30 Monate. Die Industrie warnt, die geplanten Vorgaben gingen über den EU-Standard hinaus und könnten Anbieter zur Verlagerung in andere Mitgliedstaaten bewegen.
Zondacrypto als Lehrstück des Aufsichtsvakuums
Der Fall Zondacrypto unterstreicht aus Sicht vieler Beobachter, welche Folgen fehlende Durchgriffsrechte für Anleger haben können. Die Plattform startete 2014 in Katowice als BitBay und operierte später über eine estnische Lizenz, außerhalb des direkten Zugriffs polnischer Behörden. Die KNF führte das Unternehmen zwar schon 2018 auf ihrer öffentlichen Warnliste, konnte aber keine entscheidenden Sanktionen durchsetzen.
Das Zuger Blockchain-Forensikunternehmen Recoveris dokumentierte nach eigenen Angaben erhebliche Abflüsse: Die Bitcoin-Bestände in Hot Wallets sanken von 55,7 BTC im August 2024 auf 0,07 BTC am 1. April 2026, ein Rückgang um 99,7% binnen 20 Monaten. Zwischen Dezember 2025 und April 2026 erfasste Recoveris 511 Transaktionen an Kraken-Wallets mit einem Gesamtvolumen von rund 21 Mio. USD, davon 4,59 Mio. USD in Bitcoin.
CEO Przemysław Kral soll nach Israel geflohen sein; seine israelische Staatsbürgerschaft erschwert eine Auslieferung. Tusk verknüpfte die Affäre direkt mit den blockierten Gesetzgebungsverfahren. Er warf Nawrocki vor, beide Vorlagen trotz Kenntnis der finanziellen Probleme und politischer Verbindungen von Zondacrypto per Veto gestoppt zu haben. Zudem soll die Börse mehr als 700.000 Złoty an Stiftungen gespendet haben, die mit dem früheren Justizminister Zbigniew Ziobro sowie mit einem Abgeordneten der Konfederacja verbunden sind.
Die Zuger Struktur und die Schweizer Spuren
Operativ steht hinter Zondacrypto die estnische BB Trade Estonia OÜ. Mehrheitsaktionär ist die Divisio Holding AG mit Sitz an der Baarerstrasse 78 in Zug, registriert auf die Adresse von Dr. André Terlinden. Die Gesellschaft wurde am 24. Juni 2021 gegründet (UID CHE161.370.248, Aktienkapital CHF 100.000). Terlinden schied am 27. April 2026 aus dem Verwaltungsrat aus, eine Woche nach dem Rücktritt des estnischen Aufsichtsgremiums.
Am 20. April trat der gesamte Aufsichtsrat von BB Trade Estonia geschlossen zurück: Veronika Togo, Guido Bühler und Georgi Džaniašvili. Bühler ist Mitgründer und ehemaliger CEO der SEBA Bank (Zug), die heute als Amina Bank firmiert; zuvor war er im Board der UBS Investment Bank. Bei Zondacrypto war er seit Oktober 2023 als Non-Executive Director tätig. Das Gremium begründete den Schritt mit "wesentlichen Unstimmigkeiten zwischen öffentlichen Aussagen, operativer Realität und den zuvor an den Aufsichtsrat übermittelten Informationen" sowie einem "systematischen Zusammenbruch grundlegender Governance-Prinzipien". Von der Krise habe der Aufsichtsrat zudem erst über polnische Medien erfahren, nicht über das Management.
Die Schweiz spielte auch operativ eine Rolle: Zondacrypto eröffnete im Januar 2025 ein Büro in Zug und ging eine Partnerschaft mit Incore Bank ein. Kral bezeichnete die Schweiz damals als Schlüsselmarkt der globalen Expansionsstrategie. Zudem trägt das Stadion des HC Davos seit rund einem Jahr den Namen "zondacryptoArena"; auch das Sponsoring des Frauen-Radsportteams WorldTeam CanyonSRAM steht zur Überprüfung.
Was jetzt bleibt
Auffällig ist die unterschiedliche Regulierungstiefe der beiden Rechtsräume. Die Schweiz schuf mit dem DLT-Gesetz und FINMA-Aufsicht ab 2021 einen klaren Rahmen, bevor große Skandale sichtbar wurden. Polen verhandelt die Grundzüge seines Aufsichtsregimes nun parallel zur strafrechtlichen Aufarbeitung eines Falls in Milliarden-Złoty-Dimension. Damit dürfte die Zondacrypto-Akte die Debatte im Sejm prägen, vor allem bei der Frage, wie weit Eingriffsrechte der KNF in laufende Plattformbetriebe reichen sollen.
Ungeklärt ist weiterhin der Verbleib einer Cold Wallet mit rund 4.500 BTC. Gründer Sylwester Suszek, seit März 2022 als vermisst gemeldet, soll der einzige Besitzer der Private Keys sein. Kral verweist öffentlich auf diese Reserven, kann den Zugriff aber nicht belegen. Im Raum steht außerdem der Vorwurf einer Überweisung von 76 Mio. Złoty an eine andere Börse, den der CEO bestreitet. Polnische Olympiateilnehmer warten zudem auf 1,1 Mio. Złoty an tokenbasierten Medaillenprämien.
Bis zum 1. Juli 2026 bleiben dem Sejm knapp sieben Wochen, um ein Gesetz zu verabschieden, das Nawrocki unterschreiben würde. Gelingt das nicht, bleibt der größte Kryptomarkt Osteuropas in einer regulatorischen Grauzone, während EU-Konkurrenten ihre MiCA-Lizenzen in Frankfurt, Paris oder Vilnius längst abgeschlossen haben.