US-Senat verschiebt Clarity Act – Wall Street weitet Krypto-Zugang für Privatanleger aus

Das Weiße Haus drängt auf Tempo: Am 4. Mai erklärte die Regierung, sie hoffe, dass der Kongress den Clarity Act noch vor dem 4. Juli zur Unterschrift vorlegt. Der Entwurf zur Marktstruktur für Kryptowährungen hatte das Repräsentantenhaus bereits im Juli 2025 mit 294 zu 134 Stimmen passiert, steckt im Senat aber seit fast einem Jahr fest. Im Bankenausschuss unter Vorsitz von Senator Tim Scott soll das Gesetzgebungsverfahren (Markup) bis Ende Mai abgeschlossen werden. Angestrebt wird eine Abstimmung im gesamten Senat im Juni oder Juli. Bremsklotz ist eine von Demokraten geforderte "Ethik-Klausel", die hochrangigen Regierungsmitgliedern untersagen soll, während ihrer Amtszeit persönlich an Krypto-Assets zu verdienen. Die Passage zielt ausdrücklich auf den Präsidenten. Während der Kongress ringt, schafft die Wall Street Fakten. Am 6. Mai öffnete E*Trade, eine Tochter von Morgan Stanley, den Spot-Handel für Bitcoin, Ethereum und Solana für 8,6 Millionen Privatanleger. Die Gebühr liegt bei 0,50% und ist nach Angaben von BeInCrypto derzeit der niedrigste Retail-Tarif unter den großen Wall-Street-Brokern. Zwischen April und Mai 2026 sind traditionelle Broker verstärkt in den Markt eingestiegen und haben die Gebühren für Privatanleger auf ein neues Tief gedrückt. Gebühren- und Markteintritt im Überblick - 22. Februar 2018: Robinhood startet als erster Online-Broker für Privatanleger Krypto-Handel mit Null-Provision (inklusive Spreads). - 2018: Coinbase bringt seine Retail-App mit Gebühren von 0,99% bis 2,99% plus 0,5% Spread. - 2022: Coinbase führt Advanced Trade ein und senkt die Gebühren auf 0,40%–0,60%. - 2023: Fidelity Crypto startet mit 1% Gebühr. - Anfang April 2026: Charles Schwab startet Schwab Crypto und führt den Spot-Handel in Bitcoin und Ethereum schrittweise zu 0,75% ein. - 6. Mai 2026: E*Trade folgt mit 0,50% für Bitcoin, Ethereum und Solana. Der Preisdruck wird im Vergleich deutlich: Coinbases Standard-App liegt typischerweise bei 0,99%–2,99% plus 0,5% Spread, effektiv also bei rund 1,5%–3,5%. E*Trades 0,50% liegen damit etwa bei einem Drittel. Fidelity ist mit 1% im Peer-Vergleich am teuersten. Coinbase Advanced Trade bleibt preislich konkurrenzfähig, ist aber als Profi-Oberfläche für hohe Frequenzen und vermögende Nutzer positioniert. Warum konzentrieren sich die Starts auf April–Mai 2026? Zwei regulatorische Eckpunkte gelten als Auslöser. Erstens wurde der GENIUS Act, der einen Rahmen für Stablecoins setzt, im Juli 2025 unterzeichnet und schuf einen klaren Rechtsweg für Verwahrung und Abwicklung. Zweitens steht der Clarity Act im Senat vor dem Markup. Große Institute kalkulieren offenbar mit einer hohen Wahrscheinlichkeit der Verabschiedung und fürchten weniger eine rückwirkende Regulierung. Die Wall Street entscheidet nach Eintrittswahrscheinlichkeit, nicht nach der letzten Unterschrift. Ethik-Klausel und das finanzielle Interesse der Trump-Familie Die von Demokraten geforderte Ethikregel wurde dem Weißen Haus seit 2025 wiederholt vorgelegt und mehrfach abgelehnt. Laut Bloomberg (Januar 2026) stammt rund ein Fünftel des Vermögens der Trump-Familie in Höhe von 6,8 Mrd. US-Dollar direkt aus Krypto-Projekten. Realisierte Mittelzuflüsse werden auf rund 1,47 Mrd. US-Dollar beziffert, vor allem aus vier Quellen: Den größten Beitrag liefert der Token-Verkauf von World Liberty Financial (WLFI). Bis Dezember 2025 soll die Familie aus dem DeFi-Projekt rund 1 Mrd. US-Dollar erzielt haben, darunter 550 Mio. US-Dollar aus dem öffentlichen Angebot. Der $TRUMP-Memecoin, drei Tage vor der Amtseinführung im Januar 2025 gestartet, soll 362 Mio. US-Dollar an Gebühren und Handelsgewinnen eingebracht haben. Der Memecoin $MELANIA steuerte etwa 65 Mio. US-Dollar bei. Zinseinnahmen aus den Reserven des USD1-Stablecoins werden mit 42 Mio. US-Dollar angegeben. Nicht realisierte Bewertungsgewinne werden auf rund 2,8 Mrd. US-Dollar geschätzt. WLFI weist zudem 1,5 Mrd. US-Dollar an nicht verkauften Tokens in den Büchern aus, deren Wert stark vom WLFI-Preis abhängt. FinanceFeeds zufolge werden die Bitcoin-Reserven von Trump Media auf 9.500 bis 11.500 BTC geschätzt, beim aktuellen Bitcoin-Preis etwa 840 Mio. US-Dollar. Die Bewertung des USD1-Geschäfts sowie Beteiligungen wie American Bitcoin Mining summieren sich auf rund 460 Mio. US-Dollar. Zusammen ergeben realisierte und nicht realisierte Werte etwa 4,3 Mrd. US-Dollar. Eine von Senatorin Elizabeth Warren unterstützte Fassung formulierte ausdrücklich: "Amtierende hochrangige Regierungsvertreter dürfen während ihrer Amtszeit nicht persönlich von Krypto-Assets profitieren." Eine abgeschwächte Version wurde an das Weiße Haus übermittelt und zurückgesandt. Ob der Entwurf mit dieser Passage in den Senat zur Abstimmung kommt, hängt davon ab, ob Senatorinnen und Senatoren bereit sind, öffentlich für eine Regel zu stimmen, die den Anteil der Präsidentenfamilie an einem Kuchen von rund 4,3 Mrd. US-Dollar direkt beschneidet. Was der Clarity Act regeln würde Der Clarity Act teilt digitale Vermögenswerte in drei Kategorien ein: 1) "Digitale Rohstoffe" unter Aufsicht der CFTC, darunter Tokens auf "ausgereiften" Blockchains. "Ausgereift" wird eng definiert: Das Netzwerk muss voll funktionsfähig sein und Konsens erreichen; außerdem muss es ausreichend dezentral sein, sodass keine einzelne Einheit Protokoll oder Governance einseitig ändern kann. 2) "Investment Contract Assets" unter Aufsicht der SEC, darunter Tokens mit Eigenkapital-, Schuld- oder ähnlichen Rechten, etwa tokenisierte Aktien, klassische Wertpapiere onchain sowie RWA (Immobilien, Forderungen, Notes). 3) Zahlungs-Stablecoins unter Aufsicht von Bankenaufsichtsbehörden, mit Anforderungen an Kapital, Verwahrung und Anti-Manipulationsstandards. Gegenüber FIT21, das 2024 im Senat scheiterte, nennt der Entwurf drei zentrale Änderungen: - Stablecoins: statt "ungeklärt" nun Zuständigkeit nach Handelsplatz. Stablecoins auf CFTC-regulierten Plattformen fallen unter die CFTC, auf SEC-regulierten unter die SEC; der SEC verbleibt dabei im Kern die Anti-Betrugs-Kompetenz. - DeFi-Ausnahmen: statt prinzipienbasierter Safe-Harbor-Logik eine Liste konkret ausgenommener Tätigkeiten. Drei Handlungen sollen keine Registrierung auslösen: Betrieb eines custodial Frontends, Betreiben eines Nodes, Veröffentlichung von Code. - Börsenregistrierung: statt "behördenübergreifender Koordination" eine Pflicht zur Doppelregistrierung für Intermediäre im Digital-Asset-Handel, auch wenn sie bereits als Broker-Dealer bei der SEC registriert sind. Ziel ist, die größte Unsicherheit der Branche der letzten Jahre gesetzlich zu beenden: welche Behörde wofür zuständig ist. Politische Lage und Zeitplan Nach Angaben aus dem Umfeld von Abgeordnetem French Hill wurden im 116. Kongress (2019–2020) mehr als 40 Krypto- und Blockchain-Gesetze eingebracht, keines wurde verabschiedet. FIT21 kam im 118. Kongress (2023–2024) auf, passierte das Repräsentantenhaus im Mai 2024 als erstes Marktstrukturgesetz mit vollständiger House-Abstimmung, scheiterte aber im Senat. Am 18. Juli 2025 unterzeichnete Trump den GENIUS Act und schuf damit den Rechtsrahmen für Zahlungs-Stablecoins – bis heute das einzige bundesweite Krypto-Gesetz, das in sechs Jahren tatsächlich Gesetz wurde. Am 17. Juli 2025 verabschiedete das Repräsentantenhaus den Clarity Act mit 294 zu 134. Formal steht der Clarity Act damit dort, wo FIT21 damals stand: House passiert, Senat ausstehend. Der Unterschied liegt im politischen Rückenwind. Während der FIT21-Phase saßen Demokraten im Weißen Haus und es fehlte Impuls auf höchster Ebene; die Trump-Regierung treibt das Thema offen voran. Gleichzeitig wurde die Kompromissfassung der Ethikregeln vom Weißen Haus zurückgewiesen, zentrale Demokraten bleiben skeptisch. Wenn in der ersten Augustwoche nichts passiert, geht der Senat bis zum 14. September in die Pause. Mit Blick auf die Midterms am 3. November ist eine Verabschiedung im Jahr 2026 nicht mehr allein eine Frage des politischen Willens des Weißen Hauses. In sechs Jahren wurden über 50 Vorlagen eingebracht, nur eine wurde Gesetz. Ob der Clarity Act die zweite wird, dürfte sich in den nächsten zwei Monaten entscheiden. Quelle: 律动 BlockBeats