Circle-Aktie verliert 20% nach Clarity-Act-Entwurf und Tethers Audit-Ankündigung

Am 24. März (US-Ostküstenzeit) schloss Circle (CRCL), Emittent des Stablecoins USDC, an der NYSE bei 101,17 US-Dollar. Das Papier rutschte an einem Tag um mehr als 20% ab – der stärkste Tagesverlust seit dem Börsendebüt. Auch Coinbase (COIN), wichtigster Vertriebspartner von Circle, geriet unter Druck: Die Aktie fiel nahezu 10% und ging an der Nasdaq bei 181,04 US-Dollar aus dem Handel. Auslöser war ein Leak aus der jüngsten Fassung des sogenannten Clarity Act. Der Entwurf sieht vor, dass Anbieter von Digital-Asset-Dienstleistungen keine Renditen auf Stablecoin-Guthaben zahlen dürfen – weder direkt noch indirekt. Untersagt werden sollen außerdem Konstruktionen, die wirtschaftlich oder funktional Zinsen gleichkommen. Details wurden laut der Journalistin Eleanor Terrett in einem Post veröffentlicht, basierend auf einer E-Mail aus dem Kreis der Beteiligten. Der Text soll am 24. März in einem nicht öffentlichen Termin an Vertreter der Kryptoindustrie zur Prüfung gegangen sein; Bankvertreter sollten am Folgetag nachziehen. USDC selbst hat bislang keine Zinsen ausgeschüttet, und auch Circle hat nach eigener Darstellung nie eine Rendite an Tokenhalter gezahlt. Die Brisanz des Entwurfs liegt deshalb vor allem in der Ausweitung des Adressatenkreises über den Emittenten hinaus: Coinbase ist der Akteur, der Erträge faktisch an Nutzer weitergibt. Laut dem im Circle-Börsenprospekt offengelegten Revenue-Sharing-Modell stehen Coinbase 100% der Reservenzinsen auf USDC zu, die auf der Coinbase-Plattform gehalten werden. Für USDC, das außerhalb der Plattform zirkuliert, erhält Coinbase 50% der Reservenzinsen. Den Großteil der auf der Plattform erwirtschafteten Reserveerträge reicht Coinbase an Nutzer als USDC Rewards weiter. Eine Analyse der Columbia Law School kommt zu dem Schluss, dass die Marge von Coinbase bei diesen Rewards äußerst gering ist und nur einen Spread von rund 20 bis 25 Basispunkten umfasst. Genau dieses Konstrukt zielt der Entwurf ab: Die Formulierungen "direkt oder indirekt" sowie "wirtschaftlich oder funktional Zinsen gleichwertig" sollen solche Umgehungsmodelle schließen. Für Coinbase könnte das finanziell begrenzt bleiben oder sich sogar als neutral bis positiv erweisen. Als Circle-Aktionär und als Empfänger von 50% der Nettogewinne aus Off-Platform-Reserven bleibt der Anreiz, USDC zu fördern, grundsätzlich bestehen. Für Circle liegt das Risiko weniger in den direkten Coinbase-Effekten als in der Nachfrage: USDC konkurriert nicht nur mit USDT, sondern auch mit dem US-Dollar selbst. Die Rewards haben USDC in der Praxis zu einer Art digitalem Hochzins-Sparkonto gemacht. Das gilt als ein zentraler Treiber dafür, dass USDC in den vergangenen zwei Jahren schneller gewachsen ist als USDT. Fällt die Renditekomponente weg, dürfte die Bereitschaft sinken, USDC zu halten. Ein Rückgang der Retail-Nachfrage würde die Dynamik der USDC-Umlaufmenge weiter bremsen und damit auch das Tempo des Reserveaufbaus. Damit gerät Circles Wachstumserzählung unter Druck, die stark auf Skaleneffekten und steigenden Reserven basiert. Zwar enthält der Entwurf weiterhin eine Ausnahme für "aktivitätsbasierte Rewards", also Anreize, die an Zahlungen, Transfers oder die Nutzung einer Plattform gekoppelt sind. Das wäre allerdings ein anderes Produkt als das heutige "Hold-to-earn"-Modell. Zusätzlich gilt die Formulierung "wirtschaftlich oder funktional Zinsen gleichwertig" als unscharf – mit erheblichem Spielraum für spätere Auslegung. Auch die Grenzen aktivitätsbasierter Rewards könnten dadurch enger gezogen werden. Am selben Tag setzte ein zweiter Impuls die Branche unter Spannung: Tether kündigte an, eine der Big-Four-Prüfungsgesellschaften mit dem ersten vollständigen Finanz-Audit zu beauftragen, inklusive der USDT-Reserven. Damit rückt ein weiterer Vorteil von Circle ins Blickfeld: USDCs Differenzierung beruhte über Jahre auf dem Compliance-Narrativ. Circle lässt seine Reserven regelmäßig durch führende Wirtschaftsprüfer attestieren. In Phasen, in denen Tether unter regulatorischem Druck stand, war der Status als "transparente und regelkonforme" Alternative ein starkes Argument für institutionelle Kunden und compliance-sensible Börsen. Tether stützte sich bislang auf quartalsweise Attestierungen statt eines Voll-Audits. S&P Global stufte 2025 das Credit-Rating von USDT auf "weak" herab und verwies auf das Risiko unzureichender Besicherung bei weiter fallenden Bitcoin-Kursen. Zudem verlangt der GENIUS Act von großen Stablecoin-Emittenten jährliche unabhängige Audits. Vor diesem Hintergrund wird Tethers Schritt auch als Reaktion auf den wachsenden Rechtsrahmen gewertet. Unabhängig vom Motiv verstärkt der Zeitpunkt die ohnehin negative Stimmung. USDC hat in den vergangenen zwei Jahren mit höheren Wachstumsraten als USDT zugelegt, getragen auch von dem Image der Transparenz. Das Big-Four-Audit bei Tether hat zwar noch nicht begonnen und sein Ausgang ist offen. Sollte es jedoch erfolgreich abgeschlossen werden, dürfte Circles Compliance-Prämie, die den Wachstumsvorsprung mitgetragen hat, spürbar schrumpfen. Das Geschäftsmodell von Circle basiert darauf, dass Renditeanreize Nutzer zum Halten von USDC bewegen, die Skalierung den Reservepool vergrößert und Reservenzinsen das Umsatzwachstum stützen. Dieses Modell funktioniert nur, wenn Stablecoins faktisch als verzinsliche Vermögenswerte oder Spareinlagen auftreten dürfen. Der Clarity-Act-Entwurf stellt diese Grundlage legislativ infrage. Ohne Renditeanreize müsste USDC stärker über organische Nutzung in realen Zahlungsfällen wachsen. Das ist möglich, aber deutlich langsamer und weniger planbar als renditegetriebenes Wachstum. Compliance sichert Circle die Lizenz – nicht zwingend das bisherige Wachstumsmodell. Die Botschaft aus dem Bankenumfeld ist entsprechend klar: Stablecoins können existieren, aber sie sollen keine Zinsen abwerfen.