Bitcoin entkoppelt sich von Tech-Aktien: Momentum verlagert sich in den Chip-Sektor
Jahrelang liefen Bitcoin und Tech-Aktien fast im Gleichschritt – ein Momentum-Trade, der als verlässliches Duo galt. Dieses Muster bricht auf, ohne dass eine kryptospezifische Krise dahintersteht. Der Grund wirkt banaler: Momentum-Trader setzen derzeit auf attraktivere Trends.
Die 30-Tage-Rolling-Korrelation von Bitcoin zum iShares Semiconductor ETF (SOXX) ist auf 0,27 gefallen, nach 0,55 zu Jahresbeginn. Auch zur iShares Expanded Tech-Software Sector ETF (IGV) sank die Korrelation im selben Zeitraum auf 0,27 von 0,38.
Parallel dazu geriet der Kurs unter Druck: Anfang Juni 2026 rutschte Bitcoin auf 65.385 US-Dollar und markierte damit den tiefsten Stand seit Februar. Inzwischen hat er sich wieder knapp über 67.000 US-Dollar erholt, doch die Einbußen bei der Stimmung bleiben spürbar. Jay Hatfield verweist darauf, dass Momentum-Investoren verstärkt Bereiche mit klareren kurzfristigen Trends bevorzugen. Halbleiterwerte, gestützt durch anhaltende Ausgaben für KI-Infrastruktur, liefern derzeit etwas, das Bitcoin momentan nicht bietet: eine eindeutige Gewinn- und Ergebnisstory.
Zusätzlich ziehen Gold sowie stark beachtete IPOs Kapital ab – ausgerechnet aus dem Bereich, der für viele Anleger lange als Standard-"Risk-on"-Position diente.
Abflüsse aus Spot-Bitcoin-ETFs unterstreichen die Trendwende. Die Mittelabzüge werden auf 2,3 bis 2,8 Milliarden US-Dollar geschätzt – ein deutlicher Kontrast zur anfänglichen Euphorie nach dem Start dieser Produkte. Analysten führen den Rückgang nicht auf krypto-interne Auslöser zurück: nicht auf Verkäufe von MicroStrategy, nicht auf den Kollaps einer Börse, nicht auf verschärfte Regulierung. Vielmehr gilt: Bitcoin ist derzeit schlicht nicht der Ort, an dem sich das schnelle Geld positionieren will.
Ganz gelöst ist die Verbindung zu Tech dennoch nicht. Die Korrelation zum Nasdaq-100 liegt weiter bei rund 0,45 und damit sogar über dem 10-Jahres-Durchschnitt. Makroökonomisch handelt Bitcoin damit weiterhin wie ein Risiko-Asset: Er steigt, wenn die Liquidität reichlich ist, und fällt, wenn sie sich verknappt.
Auffällig ist die Schere zwischen der weiterhin erhöhten Nasdaq-Korrelation und der deutlich gesunkenen Halbleiter-Korrelation. Breite Makrotreiber bewegen Bitcoin weiterhin, doch der sektorbezogene Momentum-Effekt, der Rallys zuvor verstärkte, hat sich verlagert.
Für Anleger ergibt sich ein gemischtes Bild. Langfristige Halter akkumulieren weiter, die Bestände auf Börsen bleiben niedrig – beides gilt historisch als Hinweis auf ein enges Angebot. Die sinkende Korrelation zu Tech-Teilsektoren hat zudem einen positiven Aspekt: Wenn Bitcoin nicht mehr im Gleichlauf mit SOXX oder IGV schwankt, kann er innerhalb eines techlastigen Portfolios Diversifikation bringen.
Die bisherigen ETF-Abflüsse von 2,3 bis 2,8 Milliarden US-Dollar sind erheblich, aber noch nicht fatal. Ein anhaltender Abfluss in Richtung 5 Milliarden US-Dollar oder mehr würde die Preise stärker belasten und könnte Zwangsverkäufe aus gehebelten Positionen auslösen. Der Rückgang um 22% im vergangenen Monat deutet bereits darauf hin, dass gehebelte Long-Positionen zunehmend unter Druck geraten sind.
Im Blick behalten sollten Investoren auch, ob die Korrelation zum Nasdaq-100 ebenfalls nachgibt. Aktuell signalisiert der Wert von 0,45, dass Bitcoin weiterhin von einer breiten Risikoneigung profitieren kann.