Bitcoin testet 62.000 US-Dollar: Spot-ETFs mit 1,72 Mrd. US-Dollar Abflüssen, Saylor deutet Zukauf an
Bitcoin rutscht wieder in Richtung der Marke von 60.000 US-Dollar. Anders als beim Rücksetzer im Februar bleibt diesmal eine klare institutionelle Kaufwelle aus. In den USA notierte Spot-Bitcoin-ETFs verzeichneten in der vergangenen Woche Nettoabflüsse von rund 1,72 Mrd. US-Dollar – die größten wöchentlichen Rückgaben seit mehr als einem Jahr. Zum Vergleich: Der vergleichbare Rückgang im Februar ging nur mit 318 Mio. US-Dollar an Abflüssen einher. Damit beschleunigen sich die Rückgaben nun bereits die vierte Woche in Folge: von etwa 1 Mrd. US-Dollar Mitte Mai bis zum jüngsten Rekordwert. Das deutet darauf hin, dass viele Allokatoren Positionen abbauen, statt nachzukaufen.
Bei Kursen um 62.000 US-Dollar wirkt die Unterstützungszone um 60.000 US-Dollar damit zunehmend anfällig. Zusätzliche Spekulationen über Unternehmensnachfrage kamen am Sonntag von Michael Saylor: Er postete den bekannten Acquisition-Tracker von Strategy mit dem Hinweis, es sei "a good time to add more dots". In der Vergangenheit ging dieser Grafik häufig am Montag eine 8-K-Meldung voraus, die einen neuen BTC-Kauf bestätigte.
Die jüngste Einreichung von Strategy weist Bestände von 843.706 BTC zu einem Durchschnittspreis von 75.699 US-Dollar aus. Damit liegt das Unternehmen rechnerisch rund 11,7 Mrd. US-Dollar im Minus, etwa 18% "unter Wasser". Ein möglicher Zukauf nahe 62.000 US-Dollar läge zudem rund 20% unter dem durchschnittlichen Verkaufspreis von 77.135 US-Dollar, zu dem Strategy zwischen dem 26. und 31. Mai 32 BTC veräußerte – der erste Verkauf seit Ende 2022. Die Erlöse sind für die Dividende der STRC-Vorzugsaktie vorgesehen.
On-Chain-Analysten halten es für möglich, dass der Zyklusboden noch Wochen oder Monate entfernt ist. Die seit dem Hoch im Oktober realisierten Verluste summieren sich auf rund 174 Mrd. US-Dollar und liegen damit unter dem Rekord von 211 Mrd. US-Dollar aus dem Bärenmarkt 2022. Da realisierte Verluste mit der Marktkapitalisierung skalieren, könnte ein vergleichbares Kapitulationsereignis frühere Rekorde übertreffen. Beiträge von CryptoQuant-Autoren sprechen davon, der Markt könne "weiter bereinigen", bevor sich ein tragfähiger Boden bildet.
Auffällig bleibt, dass die Überzeugung privater Anleger in einem Abwärtstrend ungewöhnlich hoch ist: Kleinere Wallets versuchen fallende Kurse zu kaufen, während größere Halter in Erholungsbewegungen Angebot abgeben – ein Muster, das historisch eher mit längeren Abwärtsphasen als mit V-förmigen Umkehrungen einhergeht.
10X Research bezeichnet die kommenden zwei Wochen als entscheidend und verweist auf die US-CPI-Veröffentlichung für Mai am 10. Juni sowie die Sitzung der US-Notenbank am 16.–17. Juni. Das Haus erwartet, dass die Notenbanker ihren Lockerungsbias aufgeben und ein "higher for longer"-Zinsumfeld festigen, was Liquidität entzieht. Die Gesamtinflation sei von 2,4% auf 3,8% gestiegen, die Erzeugerpreise auf 6,0% angezogen, und die Rendite der 30-jährigen US-Staatsanleihe habe 5,0% überschritten.
Bitwise-CEO Hunter Horsley sieht einen anderen Risikofaktor: Der Kryptomarkt mit rund 2 Bio. US-Dollar bleibe unter 1% eines geschätzten globalen Volumens von etwa 640 Bio. US-Dollar in Aktien, Anleihen, Immobilien und Gold. Damit sei "Apathie" – nicht das Makroumfeld – die tiefere strukturelle Gefahr.
Der ETH/BTC-Quotient ist auf etwa 0,026 gefallen – ein Niveau, das Analyst PlanB mit März 2016 vergleicht. Ether hat damit effektiv ein Jahrzehnt relativer Performance gegenüber dem führenden Blockchain-Asset eingebüßt. Das verschärft den Druck auf Treasury-Manager, die im früheren Zyklus stärker in ETH-bezogene Exponierung gewichtet hatten, und relativiert langfristige "Flippening"-Erzählungen.
Marktstrukturell sprechen auch Derivatedaten für Zwangs-Deleveraging: In der vergangenen Woche wurden laut Daten rund 7 Mrd. US-Dollar an gehebelten Positionen liquidiert, davon etwa 5,7 Mrd. US-Dollar Long-Positionen. Das legt nahe, dass erzwungener Abbau von Hebelwirkung – weniger diskretionäre Verkäufe – die Intraday-Bewegungen derzeit prägt.
Neben dem Zinsumfeld entsteht ein zweiter Liquiditätsgegenwind. Das US-Finanzministerium will sein General Account bis Ende Juni wieder in Richtung 900 Mrd. US-Dollar aufbauen und bis Ende Juli nahe 1 Bio. US-Dollar erreichen. Dafür seien in diesem Quartal netto rund 109 Mrd. US-Dollar an neuen Kreditaufnahmen nötig, was Cash aus privaten Bilanzen in ein inaktives Staatskonto zieht. Gleichzeitig ist die Reverse-Repo-Fazilität der Fed als üblicher Puffer von 2,5 Bio. US-Dollar am Hoch 2022 auf unter 100 Mrd. US-Dollar geschrumpft.
NYDIG-Analysten sehen den Rückgang zudem als Ergebnis überlagerter Faktoren: Kapitalrotation in Richtung KI, bevorstehende Mega-IPOs von SpaceX und OpenAI, neue Sorgen um Quantencomputing sowie anhaltende Befürchtungen rund um Strategy-Verkäufe.
Technisch notiert BTC bei 62.171 US-Dollar knapp über der kurzfristigen Unterstützung bei 61.885 US-Dollar. Weitere Unterstützungen liegen bei 59.131 und 52.679 US-Dollar. Widerstände werden bei 62.910, anschließend 64.651 und 68.191 US-Dollar gesehen. Der MACD bleibt bearish, der übergeordnete Trend abwärtsgerichtet. Gleichzeitig signalisiert ein RSI von 21,37 eine stark überverkaufte Lage, die historisch häufig mit Erholungsrallyes einherging.
Für das bullishe Szenario wäre ein Tagesschluss über 62.910 US-Dollar und die Rückeroberung von 64.651 US-Dollar nötig, um die Struktur zu neutralisieren. Ein nachhaltiger Bruch von 61.885 US-Dollar öffnet dagegen den Weg Richtung 59.131 US-Dollar und letztlich in die Kapitulationszone bei 52.679 US-Dollar. Bleibt eine Erholung trotz der überverkauften Dynamik aus, würde das die "Dip-Kaufen"-These untergraben und bestätigen, dass die Verkäufer die Kontrolle behalten.