Aave legt technischen Fahrplan zur Lösung der rsETH-Bad-Debt-Krise vor
Die seit mehr als einer Woche andauernde Bad-Debt-Problematik bei Aave nähert sich dem Ende. DeFi United hat nach eigenen Angaben genügend Mittel mobilisiert, um die Lücke zu schließen: Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wurden 132.704 ETH eingesammelt, bewertet mit rund 302 Mio. US-Dollar. Aave veröffentlichte am 28. April gegen Mittag einen technischen Umsetzungsplan, der den Collateral-Status von rsETH reparieren und den normalen Marktbetrieb wiederherstellen soll.
Im Kern geht es nicht mehr darum, wie Kelp DAO 116.500 rsETH verlor, sondern wohin die Mittel anschließend flossen. Nach dem Zugriff verteilte der Angreifer die 116.500 rsETH auf mehrere Adressen. Ein Teil wurde als Sicherheit auf Aave V3 im Ethereum-Mainnet hinterlegt, um WETH zu leihen; ein weiterer Teil wurde nach Arbitrum gebrückt und dort ebenfalls auf Aave als Collateral genutzt, um WETH zu borrowen. Ein kleiner Rest wurde über weitere Kanäle bewegt. Derzeit halten sieben dem Angreifer zugeordnete Adressen weiterhin aktive rsETH-Collateral-Positionen auf Aave und Compound in Summe von etwa 107.000 rsETH der ursprünglich gestohlenen 116.500.
Aaves Plan verfolgt zwei Ziele: (1) die Besicherung von rsETH wiederherstellen und (2) die betroffenen Positionen in Kreditmärkten wie Aave und Compound bereinigen, um rund 107.000 rsETH in überbesicherten Assets zurückzugewinnen und die Marktschäden zu beheben.
Ziel 1: Re-Backing von rsETH
rsETH gilt derzeit als insolvent. Zwar ist das zugrunde liegende gestakte ETH weiterhin vorhanden, doch der Angreifer konnte über besicherte Kredite aussteigen. Der daraus resultierende Fehlbetrag führte dazu, dass rsETH vom ETH-Preis abwich. Laut Aave muss zur Wiederherstellung der Besicherung der Wechselkurs rsETH zu ETH zurück auf 1:1,07 gebracht werden.
Die Umsetzung soll von DeFi United getragen werden, das inzwischen ausreichend zugesagte ETH zur Wiederaufnahme des Vollbetriebs gesichert hat. Die finale Ausführung hängt von Governance-Approval, Timing sowie dem Abschluss relevanter Vereinbarungen ab. Bei reibungslosem Ablauf will DeFi United ETH in den Bridge-Lockup-Contract für rsETH einzahlen (RSETH_OFTAdapter 0x85d456b2…98ef3). Vorgesehen ist: ETH von DeFi United wird in Tranchen in rsETH konvertiert, diese rsETH werden an den relevanten Staking-Contract übertragen und das Bridge-System soll anschließend die sichere Rückgewinnung ermöglichen und wieder vollständig laufen. LayerZero und Kelp DAO wollen zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen implementieren, um die Bridge nach der Wiederherstellung abzusichern.
Ziel 2: Bereinigung der Lending-Positionen
Nach Wiederherstellung der rsETH-Besicherung sollte Aave theoretisch keine Bad Debt mehr aufweisen, da der Collateral-Wert wieder über den geliehenen Beträgen liegt. Dennoch müssen mehrere auffällige, dem Angreifer zugeordnete Collateral-Positionen geschlossen werden, um den Normalbetrieb wiederherzustellen. Aave rechnet dabei mit einer Rückgewinnung von rund 13.000 ETH.
Aave kündigte an, nacheinander Governance-Proposals auf Ethereum und Arbitrum einzubringen, um die abnormalen Positionen über einen "controlled liquidation process" abzuwickeln. Geplante Schritte: Der rsETH-Orakelpreis wird temporär angepasst, um effiziente Liquidationen auszulösen; während der Abwicklung entsteht kurzfristig eine Unterdeckung, die in späteren Schritten ausgeglichen werden soll; das eingelöste rsETH-Collateral wird an eine von DeFi United verwaltete Multisig-Adresse übertragen.
Aave betont, dass die Parameteränderungen ausschließlich temporär seien und nach Abschluss vollständig zurückgenommen würden, ohne langfristige Auswirkungen auf das Protokoll. Während der Bereinigungsphase bleiben Einzahlungen von WETH und rsETH auf Ethereum-Mainnet, Arbitrum, Base, Mantle und Linea eingefroren.
Als Zielbild nennt Aave: Das rsETH-Preis-Orakel wird wiederhergestellt; das zurückgewonnene rsETH wird über den Standard-Redemption-Prozess von Kelp DAO in ETH eingelöst; diese ETH dienen dazu, Defizite in Aaves Märkten auf Ethereum und Arbitrum zu decken. Für Compound ist ein ähnliches Vorgehen vorgesehen; mit Liquiditätsunterstützung durch DeFi United sollen zusätzlich rund 16.776 ETH zurückgeführt werden.
Offene Punkte und Risiken
Aave verweist darauf, dass der Vorschlag voraussichtlich ohne "socialized losses" auskommen soll, zugleich aber Unsicherheiten bestehen. Trotz ausreichender ETH-Zusagen hängt die Mittelbereitstellung von finalen Vereinbarungen und Governance-Zustimmungen ab. Die Bereinigung der Positionen setzt voraus, dass die Governance-Proposals reibungslos verabschiedet und umgesetzt werden. Sollte der Angreifer gezielt stören, könnte das die vollständige Realisierung der Verluste erschweren und zusätzliche Liquidationsschritte erforderlich machen. LayerZero und Kelp haben zwar zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen ausgerollt, Restrisiken bleiben jedoch bis zur Bewährung in Produktionsumgebungen.
Unterm Strich wirkt die Affäre um den Kelp-DAO-Hack und Aaves Bad Debt auf der Zielgeraden. Entscheidend ist, ob die vorgeschlagene Lösung operativ wie geplant funktioniert. Andy, Gründer von The Rollup, kommentierte: "Die nächsten Tage sind entscheidend für DeFi—die Aufgaben sind gewaltig und müssen schnell und zugleich sicher erledigt werden. Das ist nicht nur eine technische Herausforderung, sondern auch ein Test sozialer Koordination. Es fühlt sich wirklich surreal an, diese Entwicklungen in Echtzeit zu erleben."